Badisches Schulmuseum Karlsruhe
Badisches Schulmuseum Karlsruhe
Badisches Schulmuseum Karlsruhe e.V.
Badisches SchulmuseumKarlsruhe e.V.

Zeugnisse-Ausstellung im Schulmuseum

Einführung von Ingo Springmann

(Ehemaliger Vorsitzender des Badischen Schulmuseums)

 

Der ursprünglich juristische Hintergrund des Zeugnisses vor Gericht kann jeder- zeit auch heute relevant werden, wenn die Notengebung „vor Gericht gezogen“ wird. Auch wird uns religiös in den Zehn Geboten aufgetragen, „kein falsches Zeugnis wider den Nächsten“ abzugeben. Ein Erzeugnis oder „Zeug“ ist etwas von Menschen Geschaffenes und kann gut oder schlecht sein. Die Beurteilung wird manchmal zur Verurteilung, im Normalfall „auf Bewährung“. Die Zensuren haben sprachlich etwas gemein mit behördlicher Kontrolle, der Überwachung oder eben der Zensur. Noten stellen eigentlich Hinweise oder Kennzeichen dar, von der „Fußnote“ über die Notiz und die musikalische Note bis hin zur diplomatischen Note oder der notariellen Urkunde. Wie schön, wenn Schulnoten einfach nur Hinweise bleiben würden! In der Schule (von lat. schola ) soll man „in Muße“, in Ruhe lernen - im Unterschied zur schweren körperlichen Arbeit, aber es werden doch auch Arbeiten geschrieben, deren Benotung ins Zeugnis einfließt. Seit der Reformation werden die Schüler in Klassen eingeteilt und man wird versetzt, steigt auf, auch innerhalb der Klasse sieht man an der Lokation, der Sitzordnung, ebenso wie im Zeugnis, wie man pla- ziert wird im Vergleich mit den anderen. Der Primus ist ein Erster in der Klasse, aber noch kein Primaner, der in Unter- oder Oberprima, der zwölften oder dreizehnten Klasse angekommen ist. Man zählte rückwärts von der sechsten Klasse (Sexta) an. Man darf repetieren , u. U. auch freiwillig. Nicht nur der Leistungsstand wurde und wird ständig gemessen, auch das Verhalten, der Fleiß, die Aufmerksamkeit, die Mit- arbeit wurde und wird in Kopfnoten beurteilt oder verbal ausgedrückt. Seit Einführung der Allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert muß eben jeder zur Schule gehen und auch nicht nur im Winter, wenn man für die Landwirtschaft nicht so gebraucht wird. Alles ist genau geregelt, per Gesetz, per Verwaltungsvorschrift und in Schulordnungen. Wie sich die Gesellschaft in ständigem Wandel befindet, so wandelt sich auch die Schule und mit ihr das Zeugnis. Es ist manchmal recht spannend, solchen Veränderungen nachzugehen. Wir werden darauf zurückkommen. Nicht nur Schulen stellen Zeugnisse aus, bei Bewerbungen braucht man ein polizeiliches Führungszeugnis. Im Beruf erhält man Arbeitszeugnisse, Dienstliche Beurtei- lungen, Ärztliche Zeugnisse, Bescheinigungen, Gutachten, Empfehlungen. Meisterbriefe, Siegerurkunden im Sport, Zertifikate, also auch frühere Schulentlassungsbescheinigungen wurden gerne grafisch aufwändig gestaltet, damit diese Wände zieren konnten. Bräuche entwickelten sich, das „Gautschen“ bei den Druckern, zur Schulentlassung feiert man, versendet Bollenkarten ,heute gratuliert man auch schon mal in der Zeitung, macht auf sich aufmerksam in Abischerzen und mit Aufklebern. Schon der Schuleintritt wird begangen mit Schultüte und Fotos, erst recht der Abschied. In angelsächsischen Ländern sind Talar und Barett dafür beliebt. Einzelne Noten und Zeugnisse hat es keineswegs immer gegeben. Man hat der Volksschulpflicht mit sieben, acht oder nun neun Jahren Genüge getan und erhält einen Schulentlassschein. Das konnte genügen, auch für die anschließende Fortbildungsschule (Berufsschule). Dann fing man an zu differenzieren, zunächst für  die Bereiche Fleiß (auch Aufmerksamkeit), Betragen (brav sein), Fortschritt (Kenntnisstand) in allen Bereichen, später für die verschiedenen Fächer. Manche Begriffe sind uns fremd geworden, z. B. ziemlich gut, hinlänglich, sehr mittelmäßig, tadelnswert. Auch die Notenstufen unterliegen oft dem Wandel. Für   Verhalten und Mitarbeit sind in Baden-Württemberg drei Notenstufen ausreichend, in den einzelnen Fächern findet man fünf, sechs, acht, 15 oder auch 20 Notenpunkte und muß wissen, ob die höchste oder die niedrigste die beste Note darstellt. Abitur- oder Rei- fezeugnisse wurden erst Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt. Als Zugangsbe- rechtigung zum Hochschulstudium setzte sich die bestandene Reifeprüfung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch.

So begann erst der Siegeszug des Gymnasiums für die höhere Bildung. Obwohl Walldorfschulen und antiautoritäre Konzepte Noten und Zeugnisse für verzichtbar halten, wollen heute eindeutig nahezu alle Lernenden Noten, Zeugnisse, Bescheinigungen und müssen diese auch vorweisen.

 

Die wichtigsten Funktionen der Noten und Zeugnisse lassen sich in vier wesentliche Aspekte zusammenfassen:
1. die Zuteilungsfunktion (Schullaufbahn, berufl. Chancen),
2. die Orientierungs- und Berichtsfunktion,
3. die pädagogische Funktion (z. B. Ansporn),
4. die personale Funktion (Entwicklung der Persönlichkeit und der Eigen- einschätzung durch ständige Benotung).
(nach Erich H. Müller: Zensuren und Zeug- nisse einst und heute, Broschüre zur Ausstellung im Schulmuseum Friedrichshafen, 1991, S.8)

In den ersten beiden Grundschulklassen sind in Baden-Württemberg Noten in Form von Ziffern abgeschafft worden. Diese beginnen ab Klasse drei und münden in eine Grundschulempfehlung für den weiteren Schulweg. Aufnahme-Prüfungen ins Gym- nasium sollten dadurch überflüssig werden. Allerdings muss heute die Mittlere Reife durch zentrale Prüfungsarbeiten erworben werden.

Der Bildungs-Föderalismus ermöglicht eine große Vielfalt und führt immer wieder zu Diskussionen, von denen hier nur einige Themen genannt seien: Abschaffung bzw. Wiedereinführung der Kopfnoten, Ausweitung oder Reduktion verbaler Beurteilungen, Noten für Lehrer durch Eltern und Schüler, frühere Einschulung und kürzere Schulzeit oder Erhöhung der Schulpflicht auf zehn Jahre, Abschaffung oder Einfüh- rung des 13.Schuljahres (in den neuen Bundesländern), Ausdehnung oder Rückführung der Lehrmittelfreiheit und des Schulgeldes, Einheitsschule (Gesamtschule) oder mehrgliedriges Schulwesen, Stufenlehrer, Abschaffung des Berufsbeamtentums für Lehrer zugunsten von Angestellten mit Zeitverträgen, neue Bildungspläne, weitere Reformen für die gymnasiale Oberstufe (verändertes Kurssystem).

 

Wir wissen, dass die Schule immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist und sich die gesellschaftlichen Erwartungen nicht auf die Wissensvermittlung allein, sondern wie- der verstärkt auch auf die Erziehung ausrichten. Die Vielfalt ist uns wichtig. Wer  mehr Betreuung erwartet, kann die Ganztages-Schule (Privatschule), das Internat oder auch konfessionelle (Privat-)Schulen wählen, sofern man sich das finanziell leisten kann. Reine Mädchen- (oder Jungen-) Schulen sind möglich, aber heute ist die Koedukation der Regelfall geworden; ebenso die Simultanschule gegenüber der Konfessionsschule. Schulprofile bieten neben den Schularten Schwerpunkt- setzungen entsprechend den unterschiedlichen Begabungen und Interessen. Kaum noch findet man die Alternative der reinen Privaterziehung, wie sie Goethe und weitgehend auch Fontane genossen, da die zweite Sozialisation nach der familiären in der öffentlichen Schule gemeinschaftlich erfolgt. Im Zeugnis wird schon im Namen und den weiteren Angaben deutlich, welche Art der Erziehung und des Lernens hin- ter einem liegen. Traditionell folgt nach den Kopfnoten als erstes Fach Religion, meist nicht mehr im Dritten Reich, wo an diese Stelle das Fach Leibeserziehung ,  und nicht mehr im Sozialismus und in dessen Gefolge in einigen neuen Bundesländern, wenn auch seit einigen Jahren das Fach Ethik auch in Baden-Württemberg  eine konfessionslose Alternative darstellt.

 

Bildung war seit den mittelarterlichen Klosterschulen bis tief ins 19. Jahrhundert eine Aufgabe der beiden großen Kirchen. Das Latein konnte die meisten Wochenstunden an Höheren Schulen beanspruchen. Der gesellschaftliche Wandel verlangte im aus- gehenden 19. Jahrhundert das lateinlose Abitur, die Zulassung von Frauen zum Studium und erst vor 100 Jahren wurden Promotionen auch in technischen Fächern erlaubt. Höhere Schulabschlüsse und deren Zeugnisse verloren immer mehr den elitären Charakter, für kleine privilegierte Gruppen da zu sein, wie sich z. B. für die „Mitt- lere Reife“ zeigt, wo es darum ging, die „Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst“ zu erwerben. Da alle Kinder mit entsprechenden Leistungen das Abitur erreichen können, konnte dieses zu Recht zur allgemeinen Zugangsvorausset- zung für das Studium an Hochschulen und Universitäten werden, die finanziellen Barrieren von Schulgeld und hohen Studiengebühren sind in Deutschland beseitigt worden. Eine offene demokratische Gesellschaft begünstigt auch den Individualisten, den Seiteneinsteiger, der sein Abitur eben auf dem „Zweiten Bildungsweg“ erwirbt oder auch ohne Abitur Spitzenstellungen erreichen kann. Noten und Schulabschlüsse waren immer schon von begrenztem Aussagewert. Auch schlechte Schüler konnten später durch Leistung zum Erfolg kommen. Die Zeugnisse von Prominenten können das vielfach verdeutlichen. Der Erfinder Th. A. Edison lief mit acht Jahren  von der Schule weg und besuchte keine mehr. Mörike fiel durch das Landexamen, durfte aber gnadenhalber doch noch die Klosterschule und das Theologiestudium absolvieren - immer mit schlechten Beurteilungen und zahlreichen Strafen. Emile Zola (1840-1902) fiel zweimal durch das Abitur, Gerhard Hauptmann und Thomas Mann schafften es gar nicht bis zum Abitur, Konrad Adenauer hat zugegeben, sich in der Abiturprüfung durchgemogelt zu haben, Bert Brecht wiederholte die Untersekunda. Raabe schaffte gerade das „Einjährige“, Trakl blieb sitzen, brach die Schule ab und wurde wie Fontane ohne Abitur Apotheker. Bundesaußenminister Fischer wie- derholte in Cannstatt die 9. Klasse, ging ohne Abitur von der Schule ab und machte schließlich als Politiker Karriere. Die Ministerpräsidenten Späth und Teufel sind Ehrendoktoren mit Mittlerer Reife ohne Abitur und konnten Beamte in höchste Ämter berufen, zu denen Abitur und Studium notwendig waren und sind. Viele erfolgreiche Schriftsteller hatten einmal schwache Deutsch-Noten. ... Alle Beispiele zeigen, dass Noten und Zeugnisse nicht alles im Leben sind und keineswegs überschätzt werden dürfen, aber trotzdem begünstigen Fleiß und gute Noten weiterhin den Erfolg im Leben. Andererseits werden trotz guter Schulen und gewissenhafter Lehrer Dummheiten und sogar Verbrechen begangen, finden Fanatiker und Volksverführer immer wieder Anhänger, Bildung und gute Noten waren und sind leider keine Garanten gegen Intoleranz und totalitäre Systeme. Die Schule der Nation bleibt die Schule, und so wird sie für jeden mit all den Noten und Zeugnissen lebenslang unvergesslich sein und hoffentlich weitgehend gut in Erinnerung bleiben.

 

Eine Zeugnisausstellung kann dazu beitragen, subjektiv Empfundenes im größeren Zusammenhang zu sehen, Details exemplarisch zu betrachten und den Wandel der Zeiten und der Schulentwicklung aus der Distanz mit Wohlwollen, Amusement und verständnisvoll wahrzunehmen, denn viele vor uns hatten es nicht gerade leicht. Die in der Ausstellung gezeigten Exponate stellen eine kleine Auswahl dar. Sie können auch dort nicht einzeln kommentiert werden. Wo nötig, sind Übertragungen  der Schrift sowie Hinweise und Erläuterungen angegeben. Die Ergänzung um weitere interessante Einzelstücke und um ganze Bereiche ist beabsichtigt. Die Zeugnisaus- stellung wurde als „Wanderausstellung“ für umliegende Schulen und andere geeig- nete Ausstellungsorte konzipiert und kann leicht aktualisiert werden.

 

Quelle: Ingo Springmann, Arbeitskreis für Landeskunde/Landesgeschichte RP Karlsruhe

 

 

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